Beruf Technischer Redakteur, eine Polemik

Eine scharfzüngige aber ernstgemeinte Polemik zum Zustand der Studiengänge für Technische Kommunikation

Dr. Harald Schenda

6/1/20263 min read

Die deutsche Geschichte der praktischen Fachkommunikation ist nachvollziehbar und zumindest teilweise auf den Seiten der tekom oder in Wikipedia-Artikeln nachlesbar. In den frühen 90er Jahren startete der erste Studiengang für Technische Redakteure. Man sollte annehmen, dass mehr als 30 Jahre nach dem Start dieser spezialisierten Studiengänge die überwiegende Mehrheit der Professorinnen und Professoren, die heute Technische Redakteure ausbilden oder in artverwandten Studiengängen lehren, ein einschlägiges Studium in Hildesheim, Karlsruhe, Flensburg, Furtwangen, Krems oder eben in Hannover absolviert haben. Das ist aber nicht so. Nach meiner Beobachtung sind es etwas mehr als eine Handvoll Professorinnen und Professoren, die Technische Kommunikation mit Redaktionsschwerpunkt studiert haben. Wikipedia weist 18 deutschsprachige Hochschulen aus, an denen etwas studiert werden kann, was Studierende hinterher qualifizieren soll, in Technischen Redaktionen zu arbeiten (wir kommen später darauf zurück).

Zur Illustration: Rechnen wir ca. 3 Professoren pro Studiengang, landen wir grob bei knapp über 50 hauptberuflich Lehrenden. Wir sind großzügig und runden die „Handvoll mit Schwerpunktstudium Technische Redaktion“ auf 10 auf, es bleiben 40 übrig, die aus ganz anderen Berufen kommen. Hier tummeln sich Ingenieure, Chemiker, Informatiker, Linguisten, Übersetzer, Psychologen, Lehrer. Zusammengefasst: 80% aller hauptberuflich Lehrenden in den Studiengängen für Technische Redaktion sind technisch gesehen Quereinsteiger.

Das darf mehr als 30 Jahre nach Start der spezifischen Studiengänge für Technische Redaktion keine Randnotiz sein. Es wäre in anderen Berufen, denken Sie an Anwälte, Ärzte, Apotheker, Ingenieure, nur schwer vorstellbar. Die Quote von 80% Quereinsteigern in der Lehre stimmt mit der Quote der Quereinsteiger im Arbeitsmarkt für Technische Redakteure in etwa überein. Aus meiner Sicht ein Zeichen, dass der Beruf Technischer Redakteur in den Kinderschuhen stecken geblieben ist.

Eine weitere Schätzung: Gehen wir davon aus, dass 18 deutschsprachige Hochschulen im Schnitt – in den kargen Anfangsjahren natürlich viel weniger – 30 Studenten im Jahr ausbilden, kommen wir in 30 Jahren bei 16.200 Technischen Redakteuren mit Hochschulabschluss heraus. Ich halte diese Zahl für wesentlich zu hoch. Persönlich gehe ich – die kargen Anfangszeiten und die kargen Endzeiten (jetzt) – von zwischen 10.000 und 12.000 jemals in Deutschland ausgebildeten Technischen Redakteuren mit Hochschulabschluss aus. Im Übrigen arbeitet ein wesentlicher Teil dieser hochqualifizierten Technischen Redakteure in ganz anderen Berufen, wie Softwareentwicklung, E-Learning und in Digital- und Werbeagenturen.

Die Studierendenzahlen sinken seit Jahren dramatisch, die Studiengänge in Flensburg, Krems, Südwestfalen sind ersatzlos gestrichen worden. Aachen, Aalen, Karlsruhe, Furtwangen, Magdeburg sind ausgelaufen oder laufen aus, bzw. wurden derart umbenannt, dass für Außenstehende nicht mehr erkennbar ist, ob das etwas mit Technischer Kommunikation/Technischer Redaktion zu tun hat. „Kommunikation und Medienmanagement“, „Human-Centered-Design“,“ UX/Informationsdesign“, „Mensch-Maschine-Interaktion“, „Language and Communication in Organizations“ heißen nun die neuen Studiengänge. Logisch nachvollziehbar: Damit Studiengänge eine Existenzberechtigung haben, müssen die Studierendenzahlen auskömmlich sein; alles andere führt zu unschönen Hochschul-internen Diskussionen, die mit der Abkündigung der Studiengänge enden können.

Wenn wir ehrlich sind, müssen Technische Redakteure mit Hochschulabschluss auf Bachelor-Niveau als selten, auf Master-Niveau als exotisch bezeichnet werden. Mit einschlägiger Promotion obendrauf, als Einhörner; es sind bundesweit weniger als 10. Die tekom nennt in ihren Branchenzahlen zwischen 4000 und 6000 offene Stellen für Technische Redakteure pro Jahr. Diese Stellen werden überwiegend mit Quereinsteigern besetzt, die diese Funktion offensichtlich zumindest aus Firmensicht zufriedenstellend ausfüllen können. Damit ist die Behauptung, dass Technische Redaktion als wichtige Funktion im Produktlebenszyklus nur von ausgebildeten Fachleuten ausgeführt werden kann, falsch. Ein postfaktischer Claim in einem postfaktischen Zeitalter. Wie passend. Die zur Berufsausübung nötigen Kenntnisse können mit ein paar Basisbegabungen im Eigenstudium erworben werden.

Fazit:

Den Beruf „Technischer Redakteur“ hat es nie gegeben; bestenfalls erschien er einst hoffnungsvoll schimmernd am Firmament, um umgehend wieder zu verschwinden. Technische Redaktion ist eine Funktion im Produktlebenszyklus, die geschichtlich anfangs von Produktentwicklern ausgeübt wurde. Wird aus prozessualen Gründen hinter die Produktentwicklung eine weitere Schwimmbahn mit Technischen Redakteuren geschaltet, entstehen Wissensverluste, die umständlich durch Recherchemethoden kompensiert werden müssen. Die daraus entstehenden Kommunikations- und Rekonstruktionsprobleme sowie Paradoxien sind sowohl von der Fachkommunikationswissenschaft als auch von der praktischen Fachkommunikation systematisch ignoriert oder gar kleingeredet worden.

Der Rest ist Erosion mit Ansage. Die Studiengänge verschwinden oder tarnen sich. Wer „Technische Redaktion/Dokumentation" nicht mehr in auskömmliche Anmeldezahlen übersetzen kann, nennt es „Kommunikation und Medienmanagement“, „Human-Centered Design", „Mensch-Maschine-Interaktion" oder „Information Design" – in der Hoffnung, dass das neue Etikett rettet, was der alte Inhalt nicht mehr trägt. Das ist keine inhaltliche Weiterentwicklung, das ist Begriffskosmetik am Sterbebett. Oder eine spontane Ehescheidung und Flucht zu neuen Partnern. Die Abwicklung des „Berufs“ Technischer Redakteur ist keine Gefahr; sie ist weitgehend vollzogen.

Der studierte oder von mir aus auch zertifizierte Technische Redakteur ist kein Berufsstand, sondern ein Exot. Der promovierte ist ein Einhorn – und wie es sich für Einhörner gehört, kann man sie an zwei Händen abzählen, mit Fingern übrig. Eine Profession, die ihre eigenen Vertreter nur noch als statistische Anomalie produziert, hat die Frage nach ihrer Zukunft im Grunde längst beantwortet.

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