
Gebrauchsanleitung für die tekom-Jahrestagung
Passend zum siechenden Beruf Technischer Redakteur gibt es eine Veranstaltung, die tekom-Jahrestagung in Stuttgart (1) . Es war in den frühen 10er Jahren, als diese Veranstaltung von Wiesbaden nach Stuttgart umgezogen ist. Mit der rauschenden Party „Goodbye Wiesbaden" wurde der Umzug nach Stuttgart gefeiert, natürlich ohne zu wissen, dass es nichts zu feiern gibt und der Abschied von Wiesbaden eigentlich traurig ist. Am nächsten Morgen in Wiesbaden war kollektiver Kater angesagt; ich werde die Bilder einiger Würdenträger, die sich nur in überdimensionierten Sonnenbrillen zeigen wollten, nicht vergessen.
An Wiesbaden schätzten alle die Enge und das Familiäre. Die Kneipen- und Restaurantszene lag direkt in Laufweite (dort wurden viele Einzelgespräche geführt), die Anreise durch die zentrale Lage in Deutschland war problemlos. Stuttgart ist anders, der Flughafen liegt weit draußen, man läuft sich im überdimensionierten Areal zudem die Füße wund. Gott sei Dank macht sich die deutliche Reduktion der Aussteller bemerkbar und sorgt für eine gewisse Fußschonung. Es gibt seit einigen Jahren nur noch eine Halle, die auch nur zu geschätzt 80 % gefüllt ist.
Ich besuche seit über 20 Jahren diese Tagungen und habe eine bestimmte Einstellung dazu, welchen Sinn ich daraus generieren möchte. Die Tagung besuche ich nur noch unregelmäßig und wenn, dann ausschließlich zum Netzwerken. „Seid nett zu euren Kommilitonen, ihr trefft sie euer Leben lang", schärfe ich den Studenten ein. Und das stimmt auch. Es ist wunderbar, Menschen zu treffen, mit denen man eine lange berufliche Geschichte und auch dieselben professionellen, meist systematischen Probleme teilt. Fahre ich dorthin, um gute und anregende Vorträge zu hören? Nein. Genauso wenig wie ich auf der Suche nach fachlich guten und anregenden Artikeln die "tk", das zentrale Printorgan der tekom, aufschlagen würde. Zurück zu den Vorträgen: Wenn ich gute fachliche Vorträge hören möchte, besuche ich die meist wenig beworbenen Vortrags- oder Forschungsveranstaltungen der Hochschulen und Universitäten, z. B. in Hildesheim oder Aalen. Es gibt auch fachlich progressive Dienstleister, die sehr gute Veranstaltungen anbieten. Besuche ich trotzdem Vorträge auf der Jahrestagung der tekom – in die ich oft „mitgeschleppt" werde –, bin ich nicht selten enttäuscht. Für meinen Geschmack stehen dort zu oft Personen am Rednerpult, deren Absicht es vor allem ist, für eigene Produkte und Dienstleistungen zu werben. Fachlich ist das, was dort zu hören ist, oft sehr dünn.
Nach langer Branchenzugehörigkeit kann man natürlich oft (nicht immer) die Spreu vom Weizen trennen. Progressivität, „Outside the Box"-Denken, prometheisches Feuer, Provokation und systemische Verstörung sucht man auf der tekom-Jahrestagung vergeblich. Das Vortragsprogramm ist offensichtlich genug für diejenigen, die in diesem Beruf mangels anderer Alternativen gestrandet sind. Für andere, die das Berufsbild für dringend renovierungsbedürftig halten, sehr ernüchternd. Um nicht allzu ernüchtert zu sein, bleibt die Teilnahme an Standpartys und Abendveranstaltungen.
Hier kann man exzellente Gespräche mit Menschen führen, die man schon gut kennt, aber auch neue interessante Kontakte machen. Die eigentliche Kontaktbörse befindet sich im Eingangsbereich, wo sich die Raucher treffen. Früher durften auch Getränke mit nach draußen genommen werden; dies wurde allerdings auf den letzten Tagungen vom Sicherheitspersonal unterbunden. Es wird mittlerweile auch etwas konservativer eingekauft, und so gab es zuletzt eine Sperrstunde, zu der vorher schon einige Getränkesorten „aus" waren. Der spätere Treffpunkt für die Trinkfesten ist die Bar des Wyndham-Hotels. Dort habe ich schon häufig den Tag ausklingen lassen.
Damit keine Missverständnisse entstehen: Man kann auch Schorle, Cola oder Kaffee trinken, es zählt das Durchhaltevermögen. Wer um 21:00 Uhr ins Bett muss, der hat schlechte Karten, gute und interessante Gespräche zu führen. Wer auf diese eher subversive Art Tagungen besucht, der stellt sich natürlich die Frage, warum er die hohen Tagungsbeiträge zahlen soll. Da gibt es zwei Auswege: Entweder man bucht ausschließlich den Messebesuch (ohne Verpflegung und Zugang zu den Vorträgen) oder lässt sich von einem der zahlreichen Dienstleister auf Kundenfang eine Karte spendieren. Die vermutlich größte Leistung der tekom ist es, eine reine Verkaufsveranstaltung wie eine Fachmesse aussehen zu lassen. Der Hauptzweck der tekom-Jahrestagung ist es, Messebesucher den zahlreichen kommerziellen Angeboten zuzuführen. Wie zufrieden oder unzufrieden Dienstleister mit diesem Konzept sind und wie gut sie damit fahren, das fragen Sie am besten die kommerziellen Anbieter selbst.
Fazit
Wer die tekom-Jahrestagung fachlich besucht, verwechselt eine gezielt kommerzielle Veranstaltung mit Verkaufsschwerpunkt mit einer Fachtagung. Der geistige Nährwert für erfahrene Technische Redakteure ist über die Jahre ebenso geschrumpft wie Ausstellerzahl und Hallenbelegung. Was bleibt, ist der Wert des Netzwerks – und der entsteht in zahlreichen Einzelgesprächen, an der Bar, im Raucherbereich und überall dort, wo offen gesprochen wird. Die Tagung ist dafür nur eine Art Kulisse; eine sehr teure. Unter Berücksichtigung der Kosten für Anreise, Hotel und Tagungsteilnahme fragt man sich: Kann man nicht eine Veranstaltung kreieren, die bewusst auf erfahrene TR abzielt, die sich jährlich treffen und austauschen wollen? Mit hochklassigen fachlichen Beiträgen statt Laien-Verkaufsvorträgen? Ich und viele andere könnten sich dann die beschwerliche Anreise sparen und 2 Tage toll Netzwerken und Spaß haben.
(1) Mir ist bewusst, dass die tekom-Jahrestagung auch von anderen Berufsgruppen besucht wird, außer Technischen Redakteuren.
Gebrauchsanleitung für die tekom-Jahrestagung
Wie ich nach 25 Jahren im Beruf das Maximale aus der tekom Jahrestagung heraushole. Sie können das auch!
Dr. Harald Schenda
6/29/20263 min read
