Gute technische Redakteure können beruhigt sein: KI eliminiert nur die schlechten und mittelmäßigen
Was Technische Redakteure über KI und die Einflüsse auf ihren Beruf schreiben, um sich und anderen zu sagen: Es kann alles so weiterlaufen.
Dr. Harald Schenda
7/12/20262 min read


Eines meiner Lieblingsgenres auf LinkedIn sind Beiträge, die darauf abzielen, andere – und vor allem den Autor selbst – zu beruhigen. Technische Redakteure träumen von einer Zukunft, in der alles so weitergeht wie bisher; mit KI als gehorsamem Assistenten
Oft stoße ich auf folgende Behauptung: „KI ersetzt das technische Schreiben nicht, sondern ergänzt es.“
Schauen wir uns diese Aussage einmal genauer an. Das Argument hält nur unter einer unausgesprochenen Annahme stand: dass die heutige technische Dokumentation weitgehend korrekt und benutzerfreundlich ist. Ist das wirklich so?
Praxisbeobachtung: Jeder, der seit Jahren in Studiengängen für technische Kommunikation unterrichtet, kennt „die“ durchschnittliche Gebrauchsanleitung und ihre mitunter gravierenden Mängel. Seit Jahren lasse ich Studierende und Seminarteilnehmer nach schlechten Exemplaren suchen, die sie dann auf der Grundlage des jeweiligen technischen Produkts (meist Haushaltsgeräte und -Maschinen) verbessern sollen. Fazit: Schlechte und durchschnittliche Dokumentation ist keine Ausnahme, sondern in jedem Semester in Hülle und Fülle vorhanden. Übrigens: Gehen Sie nicht davon aus, dass die Situation im professionellen Bereich (B-to-B) besser ist als im privaten (B-to-C) Reich der Toaster, Kaffee- und Waschmaschinen.
Die durchschnittlichen oder schlechten technischen Gebrauchs- und Betriebsanleitungen, die heute in den großen Firmen produziert werden, folgen oft einfachen Mustern: Textblöcke, kopierte Sicherheitskapitel, generische Strukturen, von Fotografie-Laien angelieferte Bilder, oft nur minimale Anpassung an den spezifischen Kontext und möglichst in Rekordzeit zusammengeschustert. Genau das lässt sich leicht automatisieren. Mit ein paar Regeln, Vorlagen und maßgeschneiderten Prompts kann eine KI dieses „Qualitätsniveau“ schnell, konsistent und ebenso schlecht reproduzieren – zu einem Bruchteil der Kosten, ohne Ermüdung und ohne schlechtes Gewissen.
Echte Qualität für den Produktnutzer entsteht auf andere Weise. Sie beginnt mit einem präzisen Verständnis der Nutzungssituation, also der realen Anwendung, echten Fehlfunktionen, echten Nutzerfehlern, klaren Lösungen und der Vorwegnahme der „Kreativität“ des Produktnutzers bei der Wahl alternativer Wege zur Bedienung des Produkts. Daraus resultieren Instruktionen, die alle relevanten Herausforderungen bei der Produktbenutzung vorwegnehmen und lösen.
Dies muss die GRUNDLAGE jeder Gebrauchsanleitung sein. Ohne diese Grundlage bleibt die Dokumentation ungenügend, selbst wenn sie perfekt den Standards entspricht, alle redaktionellen Richtlinien befolgt, eine einwandfreie Terminologie verwendet und hervorragend übersetzt wurde. Der wichtige ursprüngliche Zweck ist doch, dem Produktbenutzer eine einfache und sichere Bedienung zu ermöglichen. Dass in der praktischen Fachkommunikation fast ausschließlich die Produktionsseite – also die effizient-normative und kostengünstige Produktion technischer Dokumentation – fokussiert wird, sagt viel über die Reflexionsfähigkeit und intellektuelle Eigenständigkeit unserer Branche aus. Über die nicht- oder nur in Spuren vorhandene.
KI muss nicht erst die nächste Intelligenzstufe erklimmen, um die Jobs Technische Redakteure zu bedrohen. Sie muss lediglich Qualität reproduzieren, die Unternehmen bereits heute schulterzuckend akzeptieren.
Können sich gute technische Redakteure also beruhigt zurücklehnen? Nicht wirklich. Die Guten überleben nur, wenn jemand beginnt, für den Unterschied zu bezahlen – was harte Vorschriften erfordert – nicht nur wachsweiche Empfehlungen in Normen – sowie die Prüfung der tatsächlichen Benutzerfreundlichkeit. Und zwar als unverhandelbare Bedingung der Inverkehrbringung. Qualität, für die niemand bezahlt, ist ein Hobby.
PS: In einem bekannten Dienstleistungsunternehmen, in dem ich vor 20 Jahren gearbeitet habe, hatten wir einen sogenannten Stiwa-Standard (Stiftung Warentest). Dieser Standard war ca. 30% aufwendiger als der "Holzstandard" und wurde bei Geräten angewendet, von denen man einen Stiwa-Test erwartete. Es wurden bei diesen Produkten nämlich auch die Gebrauchsanleitungen mitgetestet. Waren diese schlecht, konnte das die Gesamtnote des Produkts negativ beeinflussen. In diesem Fall gab es auf Herstellerseite also ein Bewusstsein für dieses Thema und man hat sich dagegen entschieden, einen benutzerfreundlichen und teureren Dokumentationsstandard für alle Produkte anzuwenden.
