Kaum weiß ich, was ich nicht weiß, schreibe ich bessere Anleitungen
Zu wissen, wo die eigenen Grenzen des Verstehens sind, gehört nicht unbedingt zu den Kernkompetenzen Technischer Redakteure. Dabei wäre es wichtig, diese zu kennen und die Recherchetechnik entsprechend auszuwählen.
Dr. Harald Schenda
4/8/20261 min read


Weißt du, was du nicht verstehst? Tata: Der Ehrlichkeits-Score für technische Redakteure
Man kann den Eindruck gewinnen, technische Redakteure sind bei der Erstellung von Instruktionen oft im Blindflug unterwegs. Wir schreiben oft nur das auf, was uns im Recherchegespräch von Entwicklern gesagt wurde. Reicht das? Als Analysetool, um zu erkennen, wann ich langsam aber sicher die Grenzen meiner eigenen Kompetenz und Wahrnehmungsfähigkeit erreiche, oder die Produktkomplexität schlicht zu massiv wird, habe ich verschiedene Scores entwickelt.
Den wichtigsten möchte ich heute vorstellen. Immer im Hinterkopf behalten: Die eigenen Grenzen zu kennen, heißt eine Entscheidungsbasis zu schaffen, wann ich welche Recherchetechniken anwenden kann und darf. Ist das Produkt so einfach, dass ich mir aufgrund von Schreibtischrecherche die komplette Bedienung in allen Variationen und unter Berücksichtigung sonstiger Variablen selbst erschließen kann? Ist es komplexer, aber ich kann mir die Bedienung durch eigenhändiges Ausprobieren und ausgiebiges Testen in Verbindung mit Experteninterviews und Schreibtischrecherche erschließen? Oder ist das Produkt sogar so komplex, dass verschiedene Bediensequenzen aufwändig simuliert werden müssen?
Hier ein paar Beispiele für die einzelnen Stufen:
Grün: Kaffeemaschine – voll testbar, komplett verständlich.
Gelb: Auto – voll testbar, aber die Technik moderner Autos ist nicht mehr komplett verständlich.
Orange: MRT-Scanner – nicht vollständig testbar, Technik nicht vollständig verständlich.
Rot: Produktionsanlage Rohkarosserie – nicht testbar, Komplexität an der Grenze des Verstehens.
Sich einzugestehen, dass man etwas nicht versteht, ist nicht ehrenrührig. Problematisch ist es dagegen, so zu tun, als würde man alles verstehen. Produktbenutzer vertrauen darauf, dass Technische Redakteure sich in sie hineinversetzen, sie schützen und optimal anleiten. Dieser großen Verantwortung können wir aber nur nachkommen, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind.
