No Future: Die TR-Seifenblase zerplatzt
Eine unangenehme Gesamtschau der Funktion Technischer Redakteur
Dr. Harald Schenda
3/30/20264 min read


Viel ist über die Zukunft Technischer Redakteure zu lesen. Wie immer lohnt sich zunächst die Frage, wer da eigentlich schreibt – und mit welchem Movens.
Schreiben Dienstleister darüber, mag der existenzielle Wunsch zugrunde liegen, die eigene Geschäftsgrundlage nicht zu verlieren. Schreiben Technische Redakteure darüber, mag der Antrieb sein, sich selbst Mut für eine Tätigkeit zu machen, die man vielleicht auch in zehn Jahren noch ausüben möchte.
„Tätigkeit“ oder Funktion ist dabei womöglich der präzisere Begriff. Denn aus professionssoziologischer Sicht kann man den Technischen Redakteur nur schwer als eigenständigen Beruf bezeichnen.
Damit eine Tätigkeit als Profession gelten kann, müssten qualifizierte Technische Redakteure – also Menschen mit einschlägigem Studium oder belastbarer Zertifizierung, Schmalspurzertifikate nicht mitgerechnet – über ein Wissens- oder Könnensmonopol verfügen. Genau dieses Monopol existiert jedoch nicht.
Der Beleg ist simpel: Die überwiegende Mehrheit der Technischen Redakteure arbeitet ohne einschlägige Qualifikation. Die Menschen werden eingearbeitet, lernen die Werkzeuge, lesen sich in Normen ein und laden sich das erforderliche Wissen selbst drauf. Offenbar funktioniert das häufig sogar ganz gut.
Die Etablierung der Funktion „Technische Redaktion“ im Product Life Cycle als eigenständiger Beruf „Technischer Redakteur“ kann daher trotz formaler Anerkennung seit 1996 als weitgehend gescheitert betrachtet werden.
Die Anzeichen sind kaum zu übersehen:
Sinkende Studierendenzahlen. Studiengänge, die sich umbenennen und nun unbedingt irgendetwas mit „Design“, „Information“, „Management" oder „Experience“ heißen müssen. Sinkende Mitgliederzahlen des Berufsverbands. Schwache Besucherzahlen auf Tagungen. Ausgebildete Technische Redakteure, die entweder unmittelbar nach dem Studium in andere Berufsfelder wechseln oder nach einigen Jahren entnervt flüchten. Dokumentationsabteilungen, die organisatorisch mal hier, mal dort angehängt werden, je nachdem, wo gerade noch Platz im Organigramm ist.
Diese Beispiele kennt jeder Technische Redakteur. Die reale Abwicklung des Berufs an den Hochschulen hat mit den neuen Namenskonstruktionen längst begonnen.
Zusammengefasst: Technische Redaktion ist eine Funktion im Product Life Cycle. Diese Funktion wird aus Sicht akademisch ausgebildeter Technischer Redakteure häufig von eingearbeiteten Laien ausgeführt, die das offensichtlich ausreichend gut können.
Etwas anderes bleibt dem Arbeitsmarkt auch gar nicht übrig. Studiengänge und Zertifizierungen decken seit Jahren nicht einmal ansatzweise den tatsächlichen Bedarf. Nicht mal fünf Prozent. Der sogenannte Beruf lebt also seit Langem davon, dass seine Tätigkeit von Menschen ausgeführt wird, die ihm formal gar nicht angehören.
Die Funktion Technische Redaktion wird noch eine Weile existieren. Dem Beruf Technischer Redakteur fehlt jedoch bereits heute die klare Legitimation. Was soll daraus erst unter den Bedingungen der KI-Transformation werden?
Ein Tätigkeitsprofil, das sich über Werkzeugwissen, Templates, Redaktionssysteme, Terminologiedatenbanken und die Anwendung bestehender Regeln definiert, ist grundsätzlich automatisierbar. Je stärker die Prozessintelligenz bereits in Leitfäden, Systemen und Vorlagen steckt, desto weniger eigenständige Urteilskraft wird benötigt. Genau solche Umgebungen sind ideales Futter für KI.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie der Technische Redakteur gerettet werden kann. Die Frage lautet: Wo im Product Life Cycle werden Menschen gebraucht, deren Kompetenzen nicht einfach angelernt, standardisiert oder automatisiert werden können?
𝗗𝗲𝗿 𝗧𝗲𝗰𝗵𝗻𝗶𝗰𝗮𝗹 𝗜𝗻𝘁𝗲𝗿𝗮𝗰𝘁𝗶𝗼𝗻 𝗘𝗻𝗴𝗶𝗻𝗲𝗲𝗿
Ein solches Profil müsste ein technisches Produkt und seine Prozesse wirklich verstehen. Es müsste die Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten des Produkts erfassen, den Kontext und die Variablen konkreter Bediensituationen analysieren und verstehen, wie Menschen handeln, lernen und Fehler machen.
Es müsste Produkt und Mensch nicht getrennt, sondern in ihrem Zusammenspiel begreifen.
Aus diesem Verständnis wären korrekte, situationsangepasste Instruktionen zu modellieren – medienneutral und unabhängig davon, ob sie später als Text, AR-Overlay, Chatbot-Dialog, Simulationsszenario oder Bestandteil einer Assistenzsoftware erscheinen.
Dazu kämen Kompetenzen in Simulationssoftware, AR und VR sowie die Fähigkeit, geeignete KI-Architekturen vorzuschlagen, fachlich zu beurteilen und iterativ zu verfeinern.
Das ist kein klassischer Technischer Redakteur. Es ist auch kein UX Designer und kein Informatiker.
Ich nenne dieses Profil: Technical Interaction Engineer, kurz TIE.
Warum „Engineer“?
„Technical“ verankert das Profil in der technischen Domäne. „Interaction“ benennt den eigentlichen Gegenstand: nicht das Produkt allein, nicht den Benutzer allein und schon gar nicht das Dokument, sondern die Interaktion. „Engineer“ signalisiert die notwendige technische und methodische Tiefe.
𝗗𝗶𝗲 𝗔𝗯𝗴𝗿𝗲𝗻𝘇𝘂𝗻𝗴 𝘇𝘂 𝗨𝗫
UX macht Produkte benutzbar.
Der Technical Interaction Engineer ermöglicht menschenzentrierte Benutzung in konkreten technischen Situationen.
Der Unterschied ist nicht kosmetisch. UX betrachtet häufig Interfaces, Journeys und Nutzungserlebnisse. Der TIE betrachtet die vollständige Bediensituation: das technische System, den Benutzer, seine Voraussetzungen, die verfügbaren Informationen, den räumlichen und organisatorischen Kontext sowie die dynamischen Wechselwirkungen zwischen diesen Variablen.
𝗗𝗮𝘀 𝗪𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻𝘀𝗺𝗼𝗻𝗼𝗽𝗼𝗹
Das mögliche Wissens- und Könnensmonopol des TIE liegt in der formalen Modellierung der Mensch-Technik-Interaktion.
Ingenieure verstehen das technische System, aber häufig nicht die Bediensituation. UX Designer verstehen den Benutzer, aber oft nicht die technische Tiefe. Technische Redakteure verstehen Dokumentationsprozesse, bleiben jedoch häufig auf der Ebene der Informationsprodukte.
Der TIE verbindet diese Perspektiven.
Nicht dadurch, dass er ein bisschen Ingenieur, ein bisschen UX Designer und ein bisschen Redakteur ist. Sondern dadurch, dass er die Interaktion als eigenständigen Analyse- und Gestaltungsgegenstand behandelt.
𝗦𝘆𝘀𝘁𝗲𝗺𝘁𝗵𝗲𝗼𝗿𝗶𝗲 𝗮𝗹𝘀 𝗔𝗻𝗮𝗹𝘆𝘀𝗲𝘄𝗲𝗿𝗸𝘇𝗲𝘂𝗴
Der Technical Interaction Engineer arbeitet an der Schnittstelle zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen.
Das technische System ist zumindest idealtypisch deterministisch und vorhersagbar. Gleiche Eingaben führen unter gleichen Bedingungen zu gleichen Ausgaben.
Der Mensch ist dagegen zustandsabhängig, historisch und nur begrenzt vorhersagbar. Sein Verhalten hängt von Erfahrung, Wissen, Motivation, Aufmerksamkeit, körperlichem Zustand, situativem Druck und zahlreichen weiteren Variablen ab.
Instruktion ist systemtheoretisch betrachtet eine Trivialisierungsstrategie: der Versuch, das Verhalten des nicht-trivialen Systems Mensch in einer konkreten Situation hinreichend vorhersehbar zu machen.
Wer das nicht begrifflich fassen kann, arbeitet blind.
Er schreibt Texte, erstellt Oberflächen oder gestaltet Assistenzsysteme, ohne präzise sagen zu können, welche Wirkung unter welchen Bedingungen eigentlich erwartet wird.
𝗠𝗲𝘁𝗮𝗳𝗮̈𝗵𝗶𝗴𝗸𝗲𝗶𝘁𝗲𝗻 𝘀𝘁𝗮𝘁𝘁 𝗪𝗲𝗿𝗸𝘇𝗲𝘂𝗴𝘄𝗶𝘀𝘀𝗲𝗻
Ein TIE-Studium – oder zunächst zumindest ein entsprechendes Studienmodul – müsste konsequent prinzipienbasiert funktionieren.
Die Leitfrage wäre nicht: Welche Software wird heute eingesetzt?
Die Leitfrage wäre: Welche Architektur- und Modellierungsprinzipien lösen welche Problemklassen?
Dazu gehört zwingend Metakognition. Wer Interaktionsmodelle erstellt, trifft ständig Annahmen über Benutzer, Technik, Situationen und wahrscheinliches Verhalten. Ohne die Fähigkeit, das eigene Denken kritisch zu prüfen, modelliert man keine Realität. Man modelliert seine Vorurteile.
𝗙𝗮𝘇𝗶𝘁
Der Beruf Technischer Redakteur leidet nicht erst seit der generativen KI an einem Legitimationsproblem. Die KI macht dieses Problem nur sichtbar und beschleunigt die Konsequenzen.
Ein Beruf, der sich über Werkzeugkompetenz und verfügbares Standwissen definiert, ist ersetzbar. Ein Beruf, der sich über Analyse-, Modellierungs- und Urteilsfähigkeit definiert, ist deutlich schwerer zu ersetzen.
Das Wissensmonopol des Technical Interaction Engineer läge deshalb nicht primär darin, was er weiß.
Es läge darin, wie er denkt.
Wer einen richtigen Beruf will, muss besser denken.
