No Future: Die TR-Seifenblase zerplatzt
Eine unangenehme Gesamtschau der Funktion Technischer Redakteur
Dr. Harald Schenda
3/30/20263 min read


Und was danach kommen könnte — wenn man bereit ist, besser zu denken.
Viel wird geschrieben über die Zukunft technischer Redakteure. Wie immer gilt: Auf den Absender achten. Schreiben Dienstleister darüber, steht die Geschäftsgrundlage auf dem Spiel. Schreiben TR darüber, geht es um Selbstberuhigung — man möchte die Tätigkeit ja noch ein paar Jahre ausüben.
„Tätigkeit" — nicht Beruf. Denn aus professionssoziologischer Sicht ist Technische Redaktion genau das nicht.
Die Diagnose
Um als eigenständiger Beruf zu gelten, bräuchten ausgebildete TR — also mit Studium oder seriöser Zertifizierung, nicht Wochenendkurse — ein sogenanntes Wissens- oder Könnensmonopol. Haben sie aber nicht.
Der Beweis ist einfach: Die überwiegende Mehrheit der TR arbeitet ohne einschlägige Qualifikation. Sie werden angelernt. Sie bringen sich das nötige Wissen selbst bei. Und — hier wird es unangenehm — sie machen das offensichtlich gut genug. Zur Wahrheit gehört auch: die Masse der Quereinsteiger (überwiegend aus technischen Berufen) sind nicht wegen ihrer herausragenden Verdienste im Engineering oder der Konstruktion in der technischen Redaktion gelandet. Als Faustregel kann gelten: Entweder kommst du aus dem Bereich Technik oder hattest etwas mit Schreiben oder Übersetzen zu tun.
Die Etablierung der Funktion „Technische Redaktion" als Beruf „Technischer Redakteur" ist gescheitert, obwohl seit 1996 anerkannt. Die Indizien kennt jeder TR:
Sinkende Studierendenzahlen (bei stabil 250.000 BWL-Studis pro Jahr)
Umbenennung der Studiengänge — immer mit „Design" oder „Information" im Titel, nie mehr „Technische Redaktion"
Sinkende Mitgliederzahlen des Berufsverbands
Schlechte Besucherzahlen auf Tagungen
Absolventen, die entweder sofort in andere Berufe gehen oder nach Jahren entnervt flüchten
Dokumentationsabteilungen, die in Unternehmen wie ungewolltes Mobiliar zwischen Organigrammen hin- und hergeschoben werden
Die reale Abwicklung des „Berufs" an den Hochschulen hat mit neuen Namenskonstruktionen längst begonnen.
Zusammengefasst: Technische Redaktion ist eine Funktion im Product Life Cycle, kein Beruf. Diese Funktion wird überwiegend von eingearbeiteten Laien ausgeübt, die das erkennbar gut genug können. Studiengänge und Zertifizierungen decken nicht mal 5 % des Marktbedarfs. Die Funktion wird es noch eine Weile geben. Dem Beruf fehlt schon jetzt die Legitimation. Und das war vor der KI-Transformation.
Das Rezept: Technical Interaction Engineer
Wo im Product Life Cycle werden also tatsächlich Menschen gebraucht, deren Kompetenz nicht einfach antrainierbar ist?
Das Profil:
Ein technisches Produkt und seine Prozesse wirklich verstehen. Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten eines Produkts erfassen. Den Kontext und die Variablen der Bediensituation analysieren. Verstehen, wie Menschen handeln — und wie sie Fehler machen. Produkt und Mensch im Zusammenspiel begreifen. Daraus korrekte, situationsangepasste Instruktionen modellieren. Medienneutral: als Text, AR-Overlay, Chatbot-Dialog, Simulationsszenario. Dazu Simulationssoftware, AR/VR. Geeignete KI-Architekturen vorschlagen und verfeinern.
Das ist kein Technischer Redakteur. Kein UX-Designer. Kein Informatiker.
Ich nenne es: Technical Interaction Engineer (TIE).
Warum diese drei Wörter?
Technical verankert das Profil in der technischen Domäne. Interaction benennt den eigentlichen Gegenstand: nicht das Produkt, nicht den Text — die Interaktion. Engineer signalisiert technische Tiefe, kein redaktionelles Handwerk.
Die Abgrenzung zu UX
UX macht Produkte benutzbar. TIE ermöglicht menschenzentrierte Benutzung. Das ist nicht dasselbe.
Das Wissensmonopol
Das Monopol des TIE liegt in der formalen Modellierung der Mensch-Technik-Interaktion zu instruktiven Zwecken. Ingenieure verstehen das System, oft nicht die Bediensituation. UX-Designer verstehen den Nutzer, oft nicht die technische Tiefe. Nur der TIE verbindet beides — und zwar mit formaler Strenge.
Systemtheorie als Analysewerkzeug
Der TIE arbeitet an der Schnittstelle zwischen trivialen und nicht-trivialen Maschinen (von Foerster). Das technische System: deterministisch, vorhersagbar. Der Mensch: zustandsabhängig, historisch geprägt, unvorhersagbar.
Instruktion ist, systemtheoretisch betrachtet, eine Trivialisierungsstrategie — der Versuch, das Verhalten des nicht-trivialen Systems „Mensch" in einer konkreten Situation vorhersagbar zu machen.
Wer das nicht begrifflich fassen kann, arbeitet blind.
Metafähigkeiten statt Werkzeugwissen
Ein TIE-Studium müsste prinzipienbasiert funktionieren. Leitfrage: Welche Architekturprinzipien lösen welche Problemklassen? Dazu konsequente Metakognition: Wer Interaktionsmodelle erstellt, trifft ständig Annahmen über Benutzer und Situationen. Ohne die Fähigkeit, das eigene Denken kritisch zu prüfen, modelliert man seine Vorurteile.
Fazit
Ein Beruf, der sich über Werkzeugkompetenz und Standwissen definiert, ist ersetzbar. Ein Beruf, der sich über Urteilsfähigkeit definiert, ist es nicht.
Das Wissensmonopol des TIE wäre nicht, was er weiß. Sondern wie er denkt.
Wer einen richtigen Beruf will, muss besser denken.
