Special Appearance auf dem tekom-Festival in St. Leon-Rot

Wir werden nicht müde, weiter die frohe Kunde vom Paradigmenshift in der Technischen Kommunikation zu verbreiten...

Dr. Harald Schenda

11/17/20251 min read

KI in der technischen Redaktion, keine Revolution, aber Entzauberung des Bewährten

Technische Dokumentation hat sich in den vergangenen Jahrzehnten primär als haftungsrechtliches Absicherungsinstrument etabliert. Der tatsächliche Produktbenutzer – seine situativen Handlungskontexte, die Geschehnisse in der Bediensituation, eine Methodik situativ passende Informationsbausteine zu produzieren – bleibt sowohl in der Forschung als auch in der Fachpraxis marginalisiert. Diese Asymmetrie wird durch eine branchenweit verbreitete Massensuggestion stabilisiert: die Annahme, haftungsrechtlich konforme und nach Norm produzierte Dokumente seien automatisch nutzerfreundlich. Drei konvergierende Entwicklungen entzaubern nun dieses Selbstverständ-nis:

Erstens vollzieht die Forschung einen Paradigmenwechsel von dokument- zu situations- und nutzerzentrierten Ansätzen. Zweitens haben Produktbenutzer längst abgestimmt – mit den Füßen: Sie konsumieren YouTube-Tutorials statt Bedienungsanleitungen und fragen jetzt zunehmend KI-Systeme. Drittens hält KI Einzug in die Redaktionen selbst und konfrontiert Technische Redakteure mit der Automatisierbarkeit jener Tätigkeiten, die sie bislang als Kernkompetenz verstanden.

Diese Konvergenz erzeugt psychologische und soziale Effekte auf beiden Seiten: Benutzer entwickeln neue Erwartungen an unmittelbare, kontextsensitive Informationsbereitstellung. Redakteure erleben kognitive Dissonanzen zwischen professionellem Selbstbild und der schwindenden Relevanz ihrer Dokumentationsformate. Die KI revolutioniert nicht die Dokumentationspraxis, aber sie macht sichtbar, was diese Praxis strukturell versäumt hat: die empirische Auseinandersetzung mit realen Nutzungs-situationen. Der Beitrag analysiert diese Verschiebungen und fragt: Welche methodischen und konzeptionellen Neuorientierungen sind erforderlich, wenn das bisherige Fundament – das User Manual als Haftungsschutz – seine legitimierende Kraft verliert?

Zu diesem Thema sprechen auf dem tekom-Festival 2026 am 07./08. Mai Dr. Laura Habich und Dr. Harald Schenda. Wir sehen uns in St. Leon-Rot.