Terminologie, Riese des Effizienzwahns, Zwerg der Nutzerorientierung
Gegen Terminologie kann man nichts sagen, der Nutzen liegt doch auf der Hand. Aber nutzt es wirklich den Produktbenutzern?
Dr. Harald Schenda
7/4/20263 min read


Terminologie, Riese des Effizienzwahns, Zwerg der Nutzerorientierung
Es gibt in der Technischen Kommunikation eine Gewissheit, an der niemand rüttelt: Terminologiearbeit ist gut. Der normative Apparat ist Respekt einflößend – DIN 2330, ISO 704, Terminologiedatenbanken, Controlled-Language-Checker, der Deutsche Terminologie-Tag, eine ganze akademische Subdisziplin und Softwareindustrie in der Nachfolge Eugen Wüsters. Nur eines fehlt: der empirische Nachweis, dass terminologische Konsistenz die Bediensituation verbessert – jenen Moment, in dem ein Mensch mit einem Produkt hantiert und auf Information angewiesen ist.
Was die Branche als Beleg bisher vorgelegt hat, ist eine Meinungsumfrage. Die tekom-Referenzstudie aus 2016 erhebt Überzeugungen von Fachleuten – das einschlägige Kapitel heißt wörtlich „Terminologiearbeit im Spannungsfeld der Überzeugungen". Wenn die Befragten die "Erleichterung der Verständlichkeit für den Kunden" hoch einschätzen, ist das die Selbstauskunft derer, die vom Gegenstand leben – keine Messung an Produktbenutzern. Aber: Zirkularität hat in der praktischen Fachkommunikation ja eine gewisse Tradition. Die vielzitierte Kosten-Nutzen-Analyse ist ein Modell mit Beispielrechnung, gespeist aus internen Prozesskennzahlen. Der Usability-Fachmann Yves Pierrot suchte 2017 gezielt nach experimenteller Evidenz zur Wirkung von Benennungskonsistenz – und fand keine.
Hier zeigt sich das Janusgesicht der Disziplin. Als (Schein-) Riese des Effizienzwahns ist Terminologie real: Theoretisch senkt sie Übersetzungskosten, glättet Translation-Memory-Prozesse und diszipliniert Redaktionsteams. Das ist Herstellernutzen – legitim, in gewisser Weise (wenn auch schwierig) quantifizierbar, aber vor allem eine Effizienzgröße der Produktionsseite. Als Instrument der Nutzerorientierung dagegen ist sie ein Zwerg: Am einzigen Ort, an dem sie ihre Wirkung beweisen müsste, konnte sie bisher nicht mit nachvollziehbar eingesetzter wissenschaftlicher Methodik isoliert gemessen werden. Nebenbei bemerkt. Viel Spaß dabei, ein Setting zu entwickeln, bei der Textverständlichkeit mit Fokus Terminologie als isolierte Variable gemessen werden kann. Es gibt viel zu viele andere Einflussfaktoren; genauso gut könnte man versuchen, einen Pudding an die Wand zu nageln.
Das alles könnte ein schon in der Wurzel angelegter Konstruktionsfehler der "Wissenschaft" sein. Wüsters Allgemeine Terminologielehre ist präskriptiv und begriffszentriert – eine Theorie darüber, was Terminologie sein sollte, nicht was sie in realer Kommunikation ist. Die eigene Wissenschaft hat dieses Fundament mehr oder weniger verworfen: Cabré attestiert ihr die „Idealisierung von Realität, Wissen und Kommunikation", Temmerman argumentiert, dass Synonymie und Polysemie in Fachsprachen funktional sind, Gaudin nennt Wüsters Programm idealistischen Szientismus. Wie so oft, wenn man sich Forschungsfelder in der Fachkommunikationswissenschaft genauer anschaut, hat die aktuelle wissenschaftliche Diskussion das Fundament abgerissen, man wohnt aber trotzdem noch im Haus.
In der Variablenstruktur meines theoretischen Modells (Mikroprozesse der Bediensituation) ist die Benennung eines Begriffs eine Nano-Variable im Variablenkomplex "Dokument":
Kontext (zeitliche, räumliche und umweltliche Parameter wie Zeit, Ort, Temperatur etc., die die Bediensituation rahmen).
Situation (dreiteilig: Initiierung, Mittelteil mit Handlungen, Ende/Übergang; Container, in dem die Interaktionen ablaufen).
Interaktionsdreieck (Produktbenutzer, Produkt, Dokument sowie deren Aktionen und Reaktionen als Beobachtungsraum).
Produktbenutzer als aktives System mit Handlungsziel, Regulationsmöglichkeiten und Prozesswissen (habitualisiert vs. schematisch).
Produkt als aktives, aber deterministisches System mit festgelegtem Agentenspektrum und regelgebundenen Reaktionen.
Dokumente als stationäre oder flüchtige Dokumente mit unterschiedlichem Einfluss auf die Handlungsregulation.
Der Produktbenutzer ist im Sinne Heinz von Foersters eine nichttriviale Maschine – zustandsabhängig, analytisch nicht durchschaubar. Die Terminologielehre behandelt ihn als triviale: konsistente Benennung hinein, korrektes Verständnis heraus. Carroll hat im "Nürnberger Trichter" gezeigt, dass Nutzer Anleitungen gar nicht linear lesen. Ausgewiesene Experten wie Dietrich Juhl sagen das schon seit Jahren, schreiben das in ihre Bücher und wiederholen das ständig in ihren Blogposts und LinkedIn-Artikeln. Wo niemand liest, verpufft die Präzision, Terminologie kann aufseiten des Produktbenutzers nur eine Wirkung entfalten, wenn genug Text konsumiert wird.
Fazit:
Nennen wir Terminologiearbeit, was sie ist – ein nützliches Handwerk der Produktionsseite. Ein Tool im Effizienzwerkzeugkasten der Technischen Redaktionen, ein Faktor, Übersetzungskosten zu reduzieren und eine gewisse Kontrolle über die sprachlichen Inhalte in den jeweiligen Zielsprachen zu gewinnen. Die dunkle Seite der Terminologiearbeit ist der unfassbare Aufwand, der in Unternehmen getrieben werden muss, um in teamübergreifenden Arbeitsgruppen gemeinsame Terminologie zu erarbeiten, zu vereinbaren und ständig aktuell zu halten. Hier, wie auch beim Thema CCMS, würde ich empfehlen, möglichst klar zu analysieren, welcher Perfektionsgrad in den Texten angestrebt werden soll und wie das kontrolliert und geprüft wird. Sogenannte CLC (Controlled Language Checker) sind so lange erstrebenswert, bis Technische Redakteure Dokumente mit hunderten Fehlern ausgegeben bekommen und im engen Redaktionsalltag Stunden benötigen, jede Meldung durchzugehen. Vielfach handelt es sich nämlich um falschen Alarm. In vielen Redaktionen werden unzählige Arbeitsstunden in Terminologiearbeit investiert, und es ist klar, dass hiervon nur die Produktionsseite in Form von Effizienzgewinnen profitiert, die meistens im Verhältnis zum Umsatz der Firmen eher zwergenhaft ausfallen. Ob der Produktbenutzer etwas davon hat, hängt davon ab, wie viel Text er liest. Alles andere steht in den Sternen.
