Profi oder nicht Profi? Das ist hier die Frage.

KI kann Technische Kommunikation gleichzeitig professionalisieren und weiter entprofessionalisieren, paradox, oder?

Dr. Harald Schenda

7/30/20263 min read

Der aktuelle PwC AI Jobs Barometer liefert für die Technische Redaktion eine interessantere Perspektive als die reflexhafte Frage, ob KI Arbeitsplätze ersetzt. PwC unterscheidet Tätigkeiten, die durch KI professionalisiert, und solche, die demokratisiert werden. Gleichzeitig verändern sich die Skill-Anforderungen in stark KI-exponierten Berufen erheblich schneller; selbst Einstiegspositionen verlangen zunehmend Fähigkeiten, die früher eher Senior-Rollen zugeschrieben wurden.

Beides dürfte für Technische Kommunikation gleichzeitig gelten.

Demokratisiert wird vor allem das klassische redaktionelle Handwerk: Texte entwerfen, strukturieren, vergleichen, überarbeiten, zusammenfassen, (teil-) übersetzen, Terminologie abgleichen, einfache Visualisierungen erzeugen. Genau diese Tätigkeiten verlieren durch generative KI ihre funktionale Exklusivität. Konstrukteure, Produktmanager, Service Engineers oder Compliance Spezialisten können technische Information zunehmend selbst erzeugen.

Hier lohnt eine begriffliche Trennung: Technische Redaktion ist eine Funktion im Produktlebenszyklus eines Produkts. Technischer Redakteur war der missglückte Versuch, daraus einen eigenständigen Beruf zu machen. (https://instructionlab.tech/beruf-technischer-redakteur-eine-polemik)

Die Funktion bleibt notwendig. Produkte und deren Anwendung müssen erklärt, Risiken kommuniziert, Wissen zugänglich und Benutzer unterstützt werden. Daraus folgt aber keineswegs, dass dafür eine eigenständige Berufsgruppe Technischer Redakteure benötigt wird.

Das war bereits vor KI fraglich. Aus professionssoziologischer Perspektive verfügt die Technische Redaktion kaum über das, was etablierte professionelle Berufe stabilisiert: ein exklusives Wissens- und Könnensmonopol, kontrollierte Zugangswege und eine weitgehend an einschlägige Ausbildung gebundene Berufsausübung. Ein erheblicher Teil der Stellen wird seit Jahrzehnten von Quereinsteigern besetzt. Selbst die Hochschullehre wird in beträchtlichem Umfang von Personen getragen, die ursprünglich aus anderen Disziplinen stammen. Die Funktion funktioniert offensichtlich ohne spezialisierte berufliche Ausbildung. Man könnte von Entprofessionalisierung reden, ich dagegen würde von einer langanhaltenden Stagnation in der Entwicklung des "Berufsbilds" reden, das unerklärlicherweise in den Kinderschuhen stecken geblieben ist.

Zurück zu KI: Gleichzeitig kann KI paradoxerweise professionalisieren: Produkt- und Systemverständnis, Informationsarchitektur, Risikobewertung, Validierung, Wissensmodellierung und die Analyse realer Nutzungssituationen in Verbindung mit den Produktbenutzern. KI professionalisiert diese Tätigkeiten nicht automatisch, sondern indem sie deren mögliche Qualitätsschwelle anhebt: Sie kann große Mengen technischer Daten, Anforderungen, Fehlerberichte und Nutzungsszenarien gleichzeitig auswerten, Inkonsistenzen sichtbar machen, Informationsmodelle ableiten, Risiken systematisch gegen Anforderungen prüfen und Varianten oder Nutzungssituationen simulativ durchspielen. Dadurch verschiebt sich die Tätigkeit von manueller Informationsproduktion zu Analyse, Modellierung und Bewertung komplexer Zusammenhänge. Voraussetzung bleibt qualifizierte menschliche Urteilskraft.

Nur: Diese Kompetenzen (Analyse, Modellierung und Bewertung komplexer Zusammenhänge) gehören in klassischen Studiengängen der Technischen Redaktion bislang keineswegs zum Kern der Ausbildung. Vieles, was künftig den anspruchsvollen Teil der Technischen Redaktion ausmachen könnte, liegt näher an Engineering, UX, Safety, Systemanalyse, Informatik und Wissensmodellierung als am traditionellen redaktionellen Kompetenzprofil.

Die Kernparadoxie: KI automatisiert gerade jene Tätigkeiten, auf denen das bisherige, klassische Berufsbild wesentlich beruht, während sie Kompetenzen aufwertet, die an den Hochschulen gar nicht oder nur in Ansätzen unterrichtet werden.

Hinzu kommen Nachwuchsprobleme an verschiedenen Fronten. Grundständige Ausbildungen für Technische Redakteure benennen sich wegen des Nachwuchsmangels im großen Stil um, oder werden komplett eingestellt.
Sehr bedenklich: KI kann heute Aufgaben übernehmen, die traditionell für Berufseinsteiger wichtig waren, Basiskompetenzen zu entwickeln. Recherche, Erstentwurf, Strukturierung und Überarbeitung waren Lernfelder für Berufseinsteiger. Werden sie automatisiert, soll Urteilskompetenz entstehen, während wesentliche Wege zu ihrer Entwicklung verschwinden. Urteilskompetenz haben nur jene Generationen von Technischen Redakteuren entwickeln können, die die Gelegenheit hatten, die Funktion Technische Redaktion in allen Facetten zu erleben und selbst von den einfachen zu den komplexen Tätigkeiten durchzuarbeiten.

Fazit

KI bedroht nicht die praktische Technische Kommunikation. Sie stellt aber infrage, wer sie künftig ausübt und mit welchen Kompetenzen.

Die klassischen Produktionsaufgaben der Technischen Redaktion werden demokratisiert und verlieren weiter an beruflicher Exklusivität. Gleichzeitig steigt der Anspruch dort, wo Analyse, Systemverständnis, Modellierung und belastbare Urteilskompetenz gefragt sind. Ausgerechnet auf diese Verschiebung ist das traditionelle Berufsbild bislang nur begrenzt vorbereitet.

Damit verschärft KI ein Problem: Die Funktion Technische Redaktion bleibt notwendig, ohne dass daraus zwingend ein stabiler Beruf Technischer Redakteur folgt.

Besonders kritisch wird es beim Nachwuchs. Wenn KI die einfachen Tätigkeiten übernimmt, über die bisher Erfahrung und Urteilskraft entstanden sind, wird nicht nur Arbeit automatisiert. Es geht der Weg zur Expertise verloren.

Die Zukunft der Technischen Redaktion kann hervorragend sein – und die Zukunft des klassischen Technischen Redakteurs trotzdem schlecht.

Quelle:

https://www.pwc.com/gx/en/services/ai/ai-jobs-barometer.html

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